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Kochst du oder Oliverst du schon?

Warum Oma kulinarisch schon damals alles richtig gemacht hat

Fast Food wird bisweilen fälschlicherweise mit „fast/beinahe Essen“ übersetzt. Aber das ist nicht nur sprachlich daneben, sondern auch ernährungstechnisch, denn der aktuelle Fast-Food-Trend bedeutet heutzutage nicht nur schnell gekocht, sondern auch gesund und lecker. Und wer macht das vor? Richtig: Jamie Oliver, der englische Kochbuchautor und Fernsehkoch. Der allerneueste von ihm propagierte Trend ist One-Pot-Kochen. One-Pot heißt übersetzt „Ein-Topf“, was für einen neuen Trend nicht sexy genug klingt, sondern an Omas Küche mit Wachstuch-Tischdecke und Brechbohnengeruch erinnert. Und das ist noch eine günstige Assoziation. Schlimmstenfalls ruft „Eintopf“ Studi-WG-Erinnerungen an Mexikanischen Feuertopf wach oder gar an die unvermeidlichen Ravioli in Tomatensoße aus der Dose.

Deren Inhalt wurde nicht zwingend in einen Topf umgefüllt, sondern in der geöffneten Blechdose im Wasserbad aufgewärmt. Man löffelte das Konglomerat aus Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern dann einfach direkt aus dem Blech. War ein Dinner zu zweit angesagt, stellte man eben zwei Dosen ins Wasserbad. Diese Zeiten sind vorbei. Laut Jamie Oliver darf Kochen zwar schnell und unkompliziert gehen, es sollte aber etwas Megagesundes dabei herauskommen, das man theoretisch auch im Ritz servieren könnte – zu einem Preis, den man in Bahnhofsnähe für umgerechnet 18 Currywürste hinblättert. Doch Vorsicht: Nix gegen Jamie Oliver, aber ich bin schon mal auf den Leim gegangen, als ich mir seinen Bestseller „Jamies-30-Minuten-Menüs“ zulegte. Seitdem ist es für mich zur Lebens-Challenge geworden, seine 30-Minuten-Gerichte in 30 Minuten hinzukriegen. Das erweist sich als unmöglich. Wie beim Tetris-Spielen komme ich bei Jamies 30-Minuten-Gerichten nicht übers Anfangslevel hinaus.

Nehmen wir zum Beispiel „Schnelles Kartoffelgratin mit Hähnchen in Senfsoße an Mangold plus Ertrunkene Kapuziner-Blitzversion“, (siehe Jamies-30-Minuten-Menüs-Kochbuch, S. 98). Beim ersten Versuch dauerte die Zubereitung handgestoppt 56 Minuten. Danach war ich schweißgebadet. Geschmeckt hat’s allerdings fantastisch. Zweiter Versuch: 51 Minuten – ich habe die Stoppuhr einfach fünf Minuten später eingeschaltet. Ich sah ein, dass ich Hilfe brauche. Jetzt kochen wir zu zweit. Meine Kochpartnerin will nicht namentlich genannt werden – aus Scham, denn auch als Duo schaffen wir besagtes Menü in gerade einmal 47 Minuten. Wenn ich ein vollständiges Menü innerhalb einer halben Stunde auf dem Tisch haben will, muss ich es wohl bei Lieferando bestellen – und hoffen, dass der Fahrradbote meine Adresse findet.

Aber ich gebe Mr. Oliver noch eine Chance und habe mir sein neuestes Kochbuch, „One-Pot“, besorgt, das aktuell weggeht wie warme Semmeln. Jetzt kämpfe ich mit einem „6-Zutaten-in-12-Minuten-fertig-im-Topf“-Rezept, mit Olivers Champignon-Carbonara. Superlecker, aber ich kriege das Zeug beim besten Willen nicht so schnell geschnippelt wie der Meisterkoch. Manchmal ist der Ein-Topf eine Ein-Pfanne, wie beim Süße-Tomaten-Gnocchi, das Oliver als „Mahlzeit für die Wochenmitte“ empfiehlt und für dessen Zubereitung man angeblich 18 Minuten benötigt. Im Kochvideo auf Youtube zeigt Mr. Oliver, wie er das in der Zeit schafft, und dabei stellt er noch – nebenbei – das Pesto selbst her. Zubereitungszeit spart er dadurch ein, dass er Zutaten wie die „sweet tomatoes“ direkt aus der Dose in die Ein-Pfanne schüttet (siehe oben: Studi-WG-Dosenkochen). Die Dosen-Lasche öffnet Jamie dabei lässig mit einem monumentalen Küchenmesser, ohne sich dabei selbst zu verstümmeln. Das wirkt so cool, dass ich mir das auch angewöhnen will. Soll keiner sagen, man lerne beim One-Pot-Kochen nichts dazu. Auch wenn’s nicht so hurtig mit dem Kochen klappt wie versprochen, sind die Vorteile des One-Pot einleuchtend: Es fällt weniger Geschirr und Abwasch an, man bräuchte nur noch eine einzige Herdplatte, und alle guten Aromastoffe, Vitamine, Mineralien und was Mr. Oliver sonst toll findet, bleiben im Pot oder in der Pan, und das bedeutet: gesund und lecker!

Also Oma, schon damals alles richtig gemacht am Küchentisch mit Wachstuch-Tischdecke! Nur Englisch hättest du können und „Eintopf“ durch einen hipperen Begriff ersetzen sollen.

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