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Tanzende Männer

10.06.2022

Diese Kolumne ist voller Klischees, denn es geht um Männer im Tanzkurs

Es war nicht meine Idee. Damit wären wir auch schon bei Klischee Nummer eins: Zumeist sind’s nicht Männer, die den Satz sagen: „Liebling, ich würde sooo gerne einen Tanzkurs machen.“ Männer sagen eher – was auch immer sie schließlich dazu bringen mag – „Wenn’s unbedingt sein muss.“ Ich versuchte bei meiner Tanzkurs-Zusage einigermaßen enthusiastisch zu klingen, stelle aber klar: „Nur den Anfängerkurs. Nicht, dass mir das zur Gewohnheit wird.“

Jetzt bin ich im A-Kurs für Standardtänze und sehe in der ersten Stunde den anderen Jungs an, dass auch deren intrinsische Motivation zu wünschen übrig lässt, während die Frauen durchweg erwartungsvoll lächeln.

Zunächst vermeiden wir Männer untereinander direkten Blickkontakt. Zwei tragen Heavy-Metal-T-Shirts, einer ein Fußballtrikot. Die meisten von uns sind gekleidet, als hätten wir erst im allerletzten Moment mit den Baumfällarbeiten aufgehört, um gerade noch rechtzeitig zur Tanzschule zu kommen. Unsere Outfits sollen beweisen: Auch wenn wir uns gerade in einem Tanzkurs befinden, sind wir trotzdem ganze Männer.

Tanzstunden-Pause: Wir Jungs trinken Bier aus Stubbi-Flaschen; die eleganten, langstieligen Biergläser lehnen wir geschlossen ab, um einen Hauch von Draußen-Grillen oder Stehplatz Ostkurve heraufzubeschwören. Stefan erzählt von seinem Motorrad, Marvin von einer Fahrt auf dem Nürburgring. Auch Themen wie die Arbeit oder „Welchen Sport machst du?“ erweisen sich als unverfänglich tanzkurspausen-geeignet. Auf die Sportfrage hätte ich beinahe mit „momentan nur Tanzen“ geantwortet, verkneife mir das aber. Tanzen ist kein Sport, Tanzen ist ein Gefallen, den man seiner Partnerin tut. Und wir stellen klar, nein, versichern uns gegenseitig: „Nur dieses eine Mal, nur den Anfängerkurs.“

Ein Klischee, das ich leider nicht bedienen kann, ist, dass Männer grundsätzlich nicht tanzen können. Sie mögen sich reflexartig dagegen sträuben, aber bei manchen sind brauchbare Ansätze zu entdecken. Natürlich neigen wir anfangs, selbst beim Walzer, zu ausgeprägt maskulinen Schritten, was bedeutet, dass jeder Step, eins-zwei-drei-eins-zwei-drei, raumgreifend ausfällt als nötig. Das kommt von der ansozialisierten Breitbeinigkeit. Mit der jedoch kommt man beim Tanzen nicht weit beziehungsweise dem Takt nicht hinterher, sobald die Musik schneller wird. Also lernen wir: Kürzertreten. Auch beim Tango.

Die Frauen im Kurs klatschen in die Hände, als der Tanzlehrer „Tango“ ankündigt. Aus Political-Correctness-Sicherheitsgründen bediene ich hier keinerlei Tanzlehrer-Klischees: Unserer ist klasse. Wir mögen ihn gleich, was wir Jungs aber nie zugeben würden. Der Tanzlehrer macht Witze, bei denen die Frauen gnädig die Augen rollen und die Männer entkrampft lachen: „Bei der Tanzhaltung ruht die Hand des Herrn direkt unterm Schulterblatt der Dame. Dem vom Herrn aus gesehen NÄHEREN Schulterblatt! Ein bisschen Abstand wollen wir doch halten.“

Der Tango und ich sind übrigens nicht kompatibel. Offensichtlich fehlt mir ein südamerikanisches Gen. Obwohl, mit Rumba und Cha-Cha-Cha komme ich gut zurecht. Den Tango-Takt kann ich zwar halten und kriege auch die Schrittfolge hin, aber das latent Leidenschaftlich-Erotische will bei mir nicht so recht rüberkommen. Der langsame Walzer passt da schon eher zum karierten Flanellhemd. Auch mit Jive (macht mich verspätet zum Abba-Fan!), Foxtrott und Disco-Fox komme ich klar. Meine Schritte, wie auch die der anderen Männer im Kurs, werden kleiner, tänzelnder. Natürlich nur, bis die Tanzstunde rum ist. Danach gehen wir wieder wie gestandene Bauarbeiter, dabei sind wir größtenteils Verwaltungsangestellte.

Gegen Ende des Anfängerkurses treffen wir Jungs uns in einer Pause draußen – mit Stubbiflasche, die Frauen schlürfen drinnen Cocktails. Ich sagte doch: Klischees. Einer beginnt herumzudrucksen: „Also ich …, wir überlegen, ob wir vielleicht noch den Fortgeschrittenenkurs …, also ein bisschen Spaß macht’s ja doch.“ Wir starren auf unsere Flaschen, nicken. Wie sich zeigt, werde ich die meisten der Jungs im Folgekurs wiedertreffen.

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